Steckersolargeräte im Altbau und die neue VDE-Norm - DIN VDE V 0126-95: Technische Hintergründe, Risiken und Anschlussvarianten

Jonas Glaser12 Min. Lesezeit

Die Novellierung der Regelwerke für Steckersolargeräte (Balkonkraftwerke) markiert einen wichtigen Schritt für die Energiewende: Die Norm definiert klare Regeln für die Anhebung der Einspeisegrenze auf 800 Watt und die Duldung des Schuko-Steckers senken die Hürden für den Einstieg massiv.

Doch als Fachunternehmen betrachten wir diese Entwicklung differenziert. Die Vereinfachung der Norm verschiebt die Verantwortung stärker auf die Technik des Wechselrichters und den Zustand der Hausinstallation. Gerade bei Bestandsimmobilien (Altbau) ist eine pauschale Entwarnung oft verfrüht. Wir erläutern im Folgenden die technischen Zusammenhänge, die Anschlussvarianten und warum eine optisch renovierte Wohnung nicht zwingend eine "solarfitte" Elektrik besitzt.

Die drei Anschlussvarianten im technischen Vergleich

Die Normung lässt mittlerweile verschiedene Wege zu, das Gerät mit dem Hausnetz zu verbinden. Diese unterscheiden sich signifikant in puncto mechanischer Sicherheit und Installationsaufwand.

Variante A: Die spezielle Einspeisesteckdose (z.B. Wieland)

Lange Zeit der einzige normkonforme Standard. Die Kontakte sind berührungssicher versenkt, die mechanische Verbindung ist verriegelt.

Bewertung: Technisch die sicherste Lösung, jedoch mit der Hürde verbunden, dass ein Elektriker die Dose tauschen muss. Dies treibt die Investitionskosten in die Höhe.

Variante B: Spezialstecker mit erhöhtem Berührungsschutz (Seplugs)

Eine technisch sinnvolle Zwischenlösung. Stecker wie der Seplugs nutzen das Schuko-System, integrieren jedoch einen mechanischen Berührungsschutz (z.B. durch Kunststoff-Pins und Isolierung).

Bewertung: Sie kompensieren die mechanischen Schwächen des normalen Schuko-Steckers, ohne einen Dosenwechsel zu erzwingen.

Hinweis: Wir werden entsprechende Komponenten, wie den Seplugs, in Kürze als Sicherheits-Upgrade in unserem Shop führen.

Variante C: Der herkömmliche Schuko-Stecker

Mit der Produktnorm DIN VDE V 0126-95 ist dieser Anschluss nun zulässig, sofern der Wechselrichter spezifische Sicherheitsfunktionen übernimmt (siehe Punkt 2).

Bewertung: Die praktikabelste Lösung, die wir bei Solardet standardmäßig nutzen – allerdings nur unter Vorbehalt einer technischen Prüfung der Gegebenheiten und der verwendeten Hardware.

Der kritische Unterschied: NA-Schutz vs. Personenschutz

Die Nutzung des Schuko-Steckers ist nur vertretbar, wenn der Wechselrichter die fehlende mechanische Sicherheit der Steckdose elektronisch kompensiert. Hier entstehen oft Missverständnisse durch die Vermischung zweier Schutzziele:

1. Der NA-Schutz (Netz- und Anlagenschutz nach VDE-AR-N 4105)

Dieser Schutzmechanismus dient der Netzstabilität und der Sicherheit von Wartungspersonal (Elektriker). Er trennt den Wechselrichter vom Netz, sobald Spannung oder Frequenz abweichen (z.B. bei Stromausfall).

Das Problem: Er stellt nicht sicher, dass die Pins des Steckers, den Sie in der Hand halten, sofort spannungsfrei sind.

2. Der Personenschutz (nach DIN VDE V 0126-95 / EN 62109)

Hierbei geht es um den Schutz vor elektrischem Schlag beim Ziehen des Steckers. Da im Wechselrichter Kondensatoren verbaut sind, kann an den Pins Restspannung anliegen.

Die Anforderung: Der Wechselrichter muss eine Redundanz (Einfehlersicherheit) aufweisen. Meist wird dies durch ein galvanisches Relais in Kombination mit einer unabhängigen Software-Überwachung realisiert.

Fazit: Ein Wechselrichter, der „nur" über einen NA-Schutz verfügt, darf keinesfalls per Schuko angeschlossen werden. Wir bei Solardet verbauen ausschließlich Geräte, die diese redundante Sicherheitstechnologie nachweislich integriert haben.

Ausführliche Tests welche Wechselrichter diese Anforderungen erfüllen finden sich auf Akkudoktor.

Die Physik im Altbau: Thermische Belastung und "Daisy Chaining"

Warum diskutiert der VDE so intensiv über 600 oder 800 Watt? Der Hintergrund ist die thermische Belastbarkeit von Leitungen, insbesondere in älteren Gebäuden.

In vielen Bestandsbauten sind Steckdosen in Reihe geschaltet ("Daisy Chain"). Fließt auf einem Stromkreis bereits ein hoher Verbrauchsstrom (z.B. Waschmaschine, Heizlüfter), und speist das Solargerät zusätzlich 800 Watt am Ende der Leitung ein, addieren sich die Ströme in Teilstücken der Leitung, ohne dass die Sicherung dies "bemerkt".

Studienlage und Sicherheitsfaktoren

Die oft zitierten Studien (u.a. HTW Berlin) bezogen sich ursprünglich auf 600 Watt Einspeisung und bestätigten hierbei Unbedenklichkeit. Für die Erhöhung auf 800 Watt wurden diese Ergebnisse extrapoliert. Das Risiko eines Kabelbrandes ist zwar auch hier statistisch gering, steigt aber linear mit der Belastungsdauer. Daher führte die Normung den Wert von 960 Wp (Watt Peak) für die Modulleistung ein.

Hintergrund: Dies ist ein pauschaler Sicherheitswert (800W + 20%). Er soll verhindern, dass die Anlage an Sommertagen über viele Stunden hinweg unter Volllast einspeist und die Leitung dauerhaft thermisch stresst. Es handelt sich um eine Vorsichtsmaßnahme, da umfangreiche Langzeitstudien speziell für das 800W-Szenario im Altbau in dieser Tiefe noch fehlen.

Die Gefahr der „optischen Sanierung"

Ein Aspekt, den wir bei Vor-Ort-Terminen häufig beobachten, ist der Trugschluss der Renovierung. Es kommt nicht selten vor, dass Wohnungen optisch auf Neubaustandard gebracht wurden (neue Böden, glatte Wände, moderne Schalterblenden), die dahinterliegende Elektrik jedoch unverändert aus den 60er oder 70er Jahren stammt.

Alte Elektroinstallation im Altbau - veraltete Kabel und Verteilerdosen

Hier lauern Risiken wie:

  • Klassische Nullung: Zweiadrige Leitungen ohne separaten Schutzleiter (häufig vor 1973).
  • Alte Schmelzsicherungen: Diese reagieren träger als moderne Leitungsschutzschalter.
  • Versteckte Verteilerdosen: Alte Klemmverbindungen, deren Übergangswiderstände über die Jahrzehnte gestiegen sind.

Ein "neues Aussehen" der Wohnung lässt keine Rückschlüsse auf die Belastbarkeit des Netzes zu. Ohne einen Blick in den Sicherungskasten oder die Dose ist eine Einschätzung fahrlässig.

Unsere Einschätzung als Fachbetrieb

Warum installieren wir bei Solardet dennoch primär über Schuko-Stecker? Weil wir eine Risikoabwägung vornehmen. Wir binden im Standardprozess keinen externen Elektriker ein, um die Kosten für unsere Kunden wirtschaftlich zu halten. Dies ist vertretbar, solange folgende Prämissen gelten:

  1. Nutzungsverhalten: Solange keine extremen Lastspitzen (mehrere Großverbraucher wie Föhn, Staubsauger, Wasserkocher) gleichzeitig und dauerhaft auf demselben Stromkreis wie die Solaranlage betrieben werden, ist die thermische Reserve von 1,5mm² Leitungen ausreichend. Unsere Kundinnen und Kunden darüber aufzuklären, steht bei uns an erster Stelle.
  2. Technische Expertise: Wir können vor Ort oder durch gezielte Abfrage einschätzen, ob eine kritische Altbau-Konstellation vorliegt.
  3. Gerätesicherheit: Wir verwenden ausschließlich Wechselrichter mit integrierter Redundanz, die den fehlenden mechanischen Schutz des Steckers kompensieren.

Fazit: Beratung ist der Schlüssel zur Sicherheit

Für Laien ist der Grat zwischen "funktioniert einfach" und "technisch bedenklich" oft schmal. Die Norm muss den "kleinsten gemeinsamen Nenner" absichern, was zu sehr konservativen Werten führt. In der Praxis ist vieles möglich, wenn man den Zustand der eigenen Elektrik kennt.

Unsere Empfehlung:

  • Für technisch versierte Selbstbauer: Wenn Sie die Elektroinstallation Ihres Hauses kennen und einschätzen können, finden Sie in unserem Shop hochwertige Einzelkomponenten und demnächst auch Sicherheits-Upgrades wie den Seplugs-Stecker.
  • Für Eigentümer & Mieter ohne Fachkenntnisse: Gehen Sie kein Risiko ein. Unser Kerngeschäft ist das Rundum-Sorglos-Paket. Wir übernehmen die technische Bewertung, die Auswahl der sicheren Komponenten und die Montage.

Lassen Sie sich von uns beraten oder fordern Sie direkt ein unverbindliches Angebot an.

Haben Sie Fragen zu Steckersolargeräten im Altbau oder benötigen Sie Unterstützung bei der technischen Bewertung Ihrer Elektroinstallation? Kontaktieren Sie uns für eine kostenlose Beratung!

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